Die Zeit der Masterpläne ist vorbei

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Im ANCB fand gestern eine öffentliche Diskussion (Schrägstrich Buchvorstellung) zum Thema „Transforming Cities – Urban Interventions in Public Spaces“ statt. Als Diskussionsteilnehmer fanden sich Regula Lüscher (Berliner Senatsbaudirektorin), Leonie Baumann (Rektorin der Kunsthochschule Weißensee), Jürgen Mayer H. (Architekturbüro J. Mayer H. und Partner), Lukas Feireiss (Studio Lukas Feireiss), und Andreas Ruby (Ruby Press) ein.

Schnell scheinen sich die Diskussionsteilnehmer darüber einig zu werden, dass die Zeit der großen Masterpläne in Europa vorbei ist. Stattdessen werden immer mehr Leuchtturmprojekte (wie der 2011 fertig gestellte Metropol Parasol in Sevilla) und auf bürgerliche Initiative basierende urbane Interventionen (wie der 2009 entstandene Prinzessinnengarten in Berlin) zu Katalysatoren der europäischen Stadtentwicklung.

Uneinig war man sich darüber, in welchem Umfang man die Zukunft der Hauptstadt in die Hände von bürgerlichen Initiativen geben kann: Während sich Andreas Ruby ein Berlin als gebauten Ausnahmezustand wünscht, denkt Regula Lüscher an die neu hinzuziehenden Einwohner, die die Verwaltung in den nächsten Jahren mit Wohnungen versorgen muss. Für solch eine Mammutaufgabe reichen von Bürgern gesteuerte Initiativen nicht aus.

Diese Mammutaufgabe, die mit zahlreichen Lückenschließungen verbunden ist, sollte allerdings mit einer ansprechenden architektonischen Qualität gestaltet werden. Jürgen Mayer H. weist daher darauf hin, dass derzeitige Berliner Neubauten eher einem europäischen Einheitsbrei gleichen, statt als Gestaltungschance wahrgenommen zu werden. Das Image der Stadt wird darunter leiden.

Ein Beispiel für die Problematik von Masterplänen mit funktionalen Einheiten zeigt Leonie Baumann auf: Sie warnt davor, dass Künstler bereits heute keinen günstigen Raum für die künstlerische Produktion finden und abwandern. Das weltweit ausstrahlende kulturelle Image der Stadt ist somit in Gefahr. Sie erinnert die Senatsbaudirektorin daran, dass grobe Flächennutzungsplanungen eine Durchmischung von Wohnen und Arbeiten verhindern. Hier braucht es Innovationen im Baurecht: Schließlich sollen sich Künstler, die sich eine Matratze in ihr Studio legen, sich nicht in einer rechtlichen Grauzone bewegen müssen.

Urbane Zwischennutzungen waren in Berlin lange Zeit möglich, da Raum im Überfluss vorhanden war. Grundstücke mit Baurecht wurden nicht entwickelt, und Interventionen toleriert. Diesen kulturellen Initiativen in der wachsenden Konkurrenzsituation rechtlich zu ermöglichen sollte Aufgabe der Stadt sein. Alle Augen auf Regula Lüscher. Sie sieht jedoch noch genug Platz für kulturelle Bespielungen in der Stadt, und verweist auf zahlreiche leer stehende Denkmäler.

Ob sie Recht hat, wird sich grob in den nächsten 5 Jahren zeigen. Den Mit-Diskutanten sah man die Skepsis allerdings deutlich an. Wie solche urbane Interventionen aussehen, kann jetzt in einem neu erschienenen Buch des Jovis Verlags nachgeschlagen werden. Gezeigt werden 47 Lösungen, die bereits im Rahmen des Urban Intervention Award Berlin vorgestellt wurden.

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